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Brachyzephalie - süß oder traurig?

Zugegeben, Sie sehen schon süß aus. Die Möpse, Bulldoggen, Chihuahuas, Shih-Tzus, Malteser oder britisch Kurzhaarkatzen mit ihren kurzen Nasen und großen Köpfen, doch sie haben eins gemeinsam: Ihre ganzen Körper wurden kindlich aussehend gezüchtet, mit teilweise dramatischen Folgen.

 

Was vielen gar nicht bewusst ist, dass diese Zuchtformen nicht nur Probleme mit der Atmung haben, was ja offensichtlich und hoffentlich inzwischen jedermann bekannt ist, sondern dass sich die gesundheitliche Beeinträchtigungen durch den ganzen Körper ziehen.

 

Grundsätzlich ist auch dies ein sehr emotional diskutiertes Thema und privat vertrete ich ganz klar die Meinung, dass man die Zucht solcher gesundheitlicher Probleme nicht durch Kauf fördern sollte (das gilt übrigens auch für Deutsche Schäferhunde mit kaum vorhandener Hüfte), als Therapeut begegnen mir diese Rassen aber selbstverständlich auch und auch ich erliege dem Charme jedes Individuums. Gleichzeitig ist es für mich aber wichtig die ganzen gesundheitlichen Begleiterscheinungen dieser Rassen zu kennen um sie entsprechend behandeln zu können. Und die sind nun mal angezüchtet, nur kann das Tier da nichts dafür und dem will ich ja helfen.

 

Dazu gehört für mich auch Aufklärung, denn diese Rassen landen überpropotional häufig in der Praxis, eben weil sie gesundheitliche Störungen haben und die lassen sich nur beseitigen, wenn die Zucht angepasst wird. Da diese Rassen aktuell aber sogenannte Modehunde sind, ist die Nachfrage so hoch, dass nicht geändert werden muss, denn sind wir mal ehrlich, mit Hunden wird in erster Linie Geld verdient und da wird halt oft gezüchtet was gewünscht ist. Häufig höre ich: „ja, das ist aber schon eine Züchtung mit einer längeren Schnauze“, trotzdem röchelt und schnarcht das Tier schon in Ruhe, weil es keine Luft bekommt.

Nur mal ein kleiner Vergleich, der deutlich macht, dass mit diesen Rassen etwas grundsätzlich nicht stimmt:

 

Für gewöhnlich sagt man je größer ein Hund umso geringer ist die Lebenserwartung.
So kann ein Dackel z.B. 12-16 Jahre alt werden, während eine deutsche Dogge eine Lebenserwartung von 8-10 Jahren hat.

 

Yuki (reiner britischer Langhaarcollie), die körperlich nun ja ein Stück größer als eine französische Bulldogge oder ein Mops ist hat eine Lebenserwartung von 14-16 Jahren.
Dagegen die französische Bulldogge: 10-12 Jahre oder der Mops: 12-15 Jahre

 

Eigentlich sollte man erwarten, dass diese kleineren Rassen eine höhere Lebenserwartung haben als ein deutlich größerer Collie. Das zeigt schon, dass hier grundsätzlich etwas im Argen liegt.

 

Es geht mir gar nicht darum Besitzern dieser Rassen ihren Hund madig zu machen. Er ist ein Teil der Familie und wird geliebt und häufig hat man sich damals aus bestimmten Gründen (und vielleicht auch wegen fehlender fehlerhafter Aufklärung) für genau diese Rasse entschieden. Doch müssen genau diese Besitzer ein größeres Augenmerk auf die Gesundheit ihres Begleiters legen, damit er lange an ihrer Seite bleibt und mir geht es darum aufzuklären worauf man achten sollte und meine Praxiserfahrungen mit ihnen zu teilen.

 

Die gesundheitlichen Probleme von brachycephalen Rassen:

Atmung und Thermoregulation

brachyzephaler Kopf im vergleich zu einer normalen Hundeschnauze

Diese Rassen haben einen sehr kleinen, bis nicht vorhandenen Nasenraum und sehr kleine Nasenlöcher. Dadurch wird die Atmung erschwert und laut. Durch das nach hinten verschobene und damit zu lange Gaumensegel verschießen sich die Atemwege immer wieder was zu Atemaussetzern, Schnarchen, Röcheln, Husten und Würgen führt. Dazu kommt häufig eine Schwäche der Knorpelspangen der Luftröhre was zu einem Luftröhrenkollaps führen kann.

 

Auf dem Bild ist links ein brachyzephaler Kopf zu sehen, im Vergleich zu einem normalen Gesichtsschädel auf der rechten Seite. 1 zeigt den Nasenraum der im linken Bild quasi nicht mehr vorhanden ist, die Strukturen sind so zusammengeschoben, dass man sie nicht mehr auseinanderhalten kann. Auf dem rechten Bild kann man deutlich den Kehlkopf mit der Maulhöhle sowie der Luftröhe erkennen (2), bei dem kurzköpfigen Hund erkennt man hier nur eine dünne Luftröhre.

 

Nasenlöcher kurzköpfiger Rassen, normal und geweitet

Im Extremfall kann unter Belastung oder Hitze ein Kollaps die Folge sein. Häufig sind diese Tiere zyanotisch, das heißt sie nehmen nicht so viel Sauerstoff auf wie sie brauchen. Durch die schlechtere Versorgung der Randbereiche des Körpers kommt es häufiger zu Hautproblemen, häufig haben diese Rassen ganz trockene und verhornte Nasenrücken.

 

Um die Atmung etwas zu erleichtern kann man die Nasenlöcher operativ weiten und das Gaumensegel kürzen.

 

Auf dem Bild sind links die normalen Nasenlöcher und rechts die bereits operativ geweiteten Nasenlöcher mit deutlich größerem Durchmesser zu sehen.

Hunde gleichen Temperaturschwankungen über das Hecheln aus, die kurzschnäuzigen Rassen können das meist nur unzureichend aufgrund ihrer erschwerten Atmung, deshalb können sie Hitze oft nicht tolerieren. Für den Halter bedeutet das bei einem heißen Sommer wie 2018, dass er selbst mehr auf die Abkühlung seines Hundes achten muss.

 

Entzündungen um Gesicht

Augen- und Hautentzündungen in den Falten im Gesicht sind ebenfalls keine Seltenheit, hier muss unbedingt auf Sauberkeit geachtet werden. Bei immer wiederkehrenden Entzündungen kann die Haut auch operativ gestrafft und die Lider etwas geschlossen werden, damit sich nicht so viel Dreck und Staub darin sammeln. Dennoch sind diese Rassen empfindlicher für Augenverletzungen, weil der Augapfel nicht durch die Augenhöhle umschlossen und geschützt ist.

 

Viele dieser kindlich gezüchteten Rassen können übrigens auch gar nicht mehr normal gebären, weil die Körperproportionen nicht mehr zusammen und so die Welpen nicht durch Mutters Becken passen.

 

Verdauungsprobleme

Ein für die Tierheilpraxis besonders wichtiges Thema sind die Verdauungsstörungen, die diese Rassen tatsächlich meistens haben.
Begonnen damit, dass durch die kurze Nase der Riechsinn deutlich eingeschränkt ist und damit der Appetit gestört sein kann.
Ganz häufig leiden diese Rassen an einem gastro-ösophagealem Reflux, oder auf Deutsch Sodbrennen. Das entsteht tatsächlich durch die Atembeschwerden, denn die sorgen für einen Unterdruck im Brustkorb wodurch der Magenpförtner den Mageninhalt nicht mehr an seinem Platz halten kann. Dies hat also erstmal nichts mit einer Übersäuerung im Magen zu tun. Meistens entzündet sich durch den Rückfluss der Säure der untere Teil der Speiseröhre, die Schleimhaut dort produziert viel Schleim um sich zu schützen. Die Hunde würgen diesen Schleim hoch, kauen darauf herum, schmatzen und schlucken ihn wieder ab.

 

Durch den chronischen Sauerstoffmangel wird die Immunabwehr geschwächt und chronische Entzündungen werden unterhalten, nicht nur in der Speiseröhre. Die Tiere werden grundsätzlich anfälliger für Infektionen, die Darmflora ist generell nicht so stabil und chronische Darmentzündungen mit Bauchschmerzen und Durchfall sind die Folge. Diese gehen meist einher mit einer Futtermittelunverträglichkeit, besonders dann wenn keine orale Toleranz aufgebaut werden konnte.

 

Klassisch wird dann erstmal mit Magensäureblocker (wegen dem Reflux), Antibiotika (wegen dem Durchfall) und Diätfutter (Reis entzieht dann nochmals zusätzlich Wasser) behandelt. Dies ist ein Teufelskreislauf, denn durch die durch den Blocker verringerte Magensäure wird das Futter nicht mehr ausreichend vorverdaut. Der pH-Wert im Darm wird insgesamt zu hoch, weil zu wenig Säure aus dem Magen durch die Pankreassäfte neutralisiert wird, die Darmflora wird dadurch und die wiederkehrenden Antibiotikagaben deutlich geschwächt, die Symptome verschlimmern sich und kommen in immer kürzeren Abständen. Dazu können Sie die Nährstoffe aus dem Futter nicht ausreichend aufnehmen, weil viele Verdauungsenzyme nicht ausreichend produziert oder aktiviert werden. Die Tiere verlieren deutlich an Gewicht, Kondition und Lebensqualität, häufig wird auch eine Pylorusstenose diagnostiziert, das heißt, dass der Magenausgang blockiert. Irgendwann scheint der letzte Ausweg nur noch die Einschläferung sein.

 

Was kann man tun?

Grundsätzlich bei der Anschaffung eine Rasse wählen, die gesünder ist um die Zucht dieser Rassen nicht zu unterstützen. Aber was hilft einem dieser Rat, wenn er zu spät kommt?

 

 

Atembeschwerden & Unterdruck im Brustraum senken

 

  • Operationen (Nasenlöcher weiten, Gaumensegel kürzen)
  • An das Tier angepasste Belastung
  • Temperaturregelung beachten
  • Bei Operationen sollten diese Rassen grundsätzlich intubiert werden, ganz egal wie lange oder kurz der Eingriff sein soll

 

Hautprobleme

 

  • Falten reinigen (z.B. mit kolloidalem Silber)
  • Nasenrücken weich halten, z.B. Yuki Cares Nasenbutterstift

 

Verdauungsbeschwerden

 

  •  Angepasste Fütterung (Roh, gekocht oder Nass; entsprechend der Unverträglichkeiten)
  • Ungesättigte Fettsäuren füttern um Entzündungen zu hemmen
  • Immunsystem stärken
  • Für eine gesunde Darmflora sorgen

 

Man kann auch sehr abgemagerte Tiere mit einer entsprechenden Fütterung und Supplementierung wieder auf die Beine bringen, wenn man nicht zu spät damit beginnt.

 

Und ja, natürlich sehen sie niedlich aus (bis auf Perser, mit denen kann ich mich einfach vom Aussehen her so gar nicht anfreunden), aber es hat schon seinen Grund warum der Mensch wächst und sich seine Schädelproportionen ändern. Kein Erwachsener mit den Proportionen eines Kinderschädels wäre gesund. Deshalb appelliere ich grundsätzlich an den gesunden Menschenverstand bei der Auswahl einer passenden Hunderasse.

 


 

 

Extra für kurzschnäuzige Rassen mit trockenem Nasenrücken haben wir den Nasenbutterstift entwickelt. Er hält die Haut weich, sodass sie nicht rissig wird und widerstandsfähiger gegen Infektionen bleibt. Für den Sommer gibt es sie auch mit Lichtschutzfaktor 20.

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